Vierteljahr in Jalalabad

“Sir, we want to discuss about what is more important – knowledge or money!” (“Sir, wir wollen darüber diskutieren, was wichtiger ist – Wissen oder Geld!“

 

Im Englisch-Konversationsunterricht stehen zwei Schüler vor der Klasse. Sie sollen über ein von ihnen gewähltes Thema auf Englisch diskutieren. “Yes, Sir, my part is, I say, knowledge is important, and he will say, money is important.” (“Ja, Sir, meine Rolle ist, dass ich sage, Wissen ist wichtig, und er wird sagen, Geld ist wichtig.“) – “No, Sir, I will say, that knowledge is important!” (“Nein, Sir, ich werde sagen, dass Wissen wichtig ist!“) – “Perhaps both of you can find reasons, why knowledge is important” (“Vielleicht können beide von Euch Gründe dafür finden, warum Wissen wichtig ist“), schlage ich vor. “No, Sir, then it is not a discussion!” (“Nein, Sir, dann ist es keine Diskussion!“) – “O. k., Sir, I will say, that knowledge and money is important, and he will say, only knowledge is important.” (“O. k., Sir, ich werde sagen, dass Wissen und Geld wichtig ist, und er wird sagen, dass nur Wissen wichtig ist.“) Nachdem beide einverstanden sind, kann die Diskussion beginnen.

 

“By the name of Almighty Allah! Knowledge is most important for every human being. Our prophet Mohammed, peace be upon him, said, that every man and woman should struggle to get knowledge, because that is the duty of every one. And it is so important for every one of us to get knowledge and education to help our own, sweet country Afghanistan, in order to develop Afghanistan, because now Afghanistan is a very poor and undeveloped country.” (“Im Namen des Allmächtigen Gottes! Wissen ist für jeden Menschen am wichtigsten. Unser Prophet Mohammed, Friede sei mit ihm, sagte, dass jeder Mann und jede Frau danach streben und sich dafür anstrengen sollte, Wissen zu erwerben, weil das die Pflicht eines jeden ist. Und es ist so wichtig für jeden von uns, Wissen und Erziehung zu erlangen, um unserem eigenen, süßen Land Afghanistan zu helfen, um Afghanistan zu entwickeln, denn Afghanistan ist jetzt ein sehr armes und unentwickeltes Land.“)

Der Schüler führt weiter aus, dass auch Geld wichtig sei, um Schulen zu bauen und Lehrer bezahlen zu können, für den Besuch privater Englisch- und Computerkurse und dafür, dass Kinder und Jugendliche nicht arbeiten müssten, sondern lernen könnten. Dass lediglich Geld,aber nicht Wissen wichtig sei, möchte niemand aus der Klasse in der Diskussion vertreten.

Von Anfang Januar bis Mitte April 2004 haben wir in Jalalabad als Lehrer in von der "Kinderhilfe Afghanistan" (www.kinderhilfe-afghanistan.de) unterstützten Schulen gearbeitet und sind danach etwa fünf Wochen lang in Afghanistan gereist. Heiner hat am "Nangarhar Lise", einem Jungengymnasium, Englisch und Deutsch unterrichtet, und die Lehrer der von der "Kinderhilfe" eingerichteten Computerklasse unterstützt. Monika hat an zwei verschiedenen, von der “Kinderhilfe” unterstützten Mädchenschulen für Schülerinnen und Lehrerinnen Englisch unterrichtet.

Schule Jalalabad

Zwischen Schulen in Deutschland und Schulen in Jalalabad gibt es große Unterschiede. Die Schüler werden an den meisten Schulen in zwei Schichten unterrichtet. Am "Nangarhar Lise" zum Beispiel kommen morgens die älteren Schüler, nachmittags die jüngeren. An einer anderen Schule, an der Monika unterrichtet hat, haben morgens Mädchen Unterricht, nachmittags Jungen. So können die Schulgebäude, von denen es viel zu wenige gibt, von mehr Klassen genutzt werden. Trotzdem sitzen viele Klassen im Schulhof oder im Freien unter Bäumen, wenn es welche gibt. Wenn es regnet faellt der Unterricht aus.

Schulhof Jalalabad

In einer Klasse sind meist zwischen fünfzig und einhundert Schüler, allerdings kommen nicht alle Schüler jeden Tag zur Schule. Viele Schüler müssen arbeiten, weil die Familie zu wenig Geld hat. Wenn Schüler nicht zum Unterricht kommen, gibt es kaum Sanktionen, der Unterricht ist also letztlich freiwillig. Die Begeisterung für die Schule und das Lernen ist bei vielen sehr groß, Schüler und ihre Familien nehmen große Schwierigkeiten auf sich, damit die Schüler in die oft weit entfernten Schulen gehen können.

Wer allerdings zu spät kommt, wird bestraft. Nach Unterrichtsbeginn stand der Direktor des “Nangarhar Lise” oft mit einem langen Stock am Schultor und versetzte Schülern, die durch das Tor auf das Gelände der Schule liefen, einen kräftigen Schlag mit dem Stock auf den Rücken oder Hintern.

Oft gibt es zu wenige Lehrer, als dass in jeder Klasse einer sein könnte. Dann haben anwesende Lehrer mehrere Klassen zu kontrollieren und laufen mit einem Stock bewaffnet die Gänge auf und ab, damit die Schüler in den Klassenzimmern bleiben.

Auch beim Unterricht haben die Lehrer immer Stöcke dabei. Ein französischer Freund, der ebenfalls in Jalalabad als Lehrer gearbeitet und in einer Schule Französisch unterrichtet hat, erzählte uns, dass er seine Schüler nach einigen Wochen gefragt habe, warum sie zu Hause nicht französisch lernten. Sie sagten ihm, dass er selbst Schuld sei. Ohne Stock könnten sie ihn als Lehrer nicht ernst nehmen und hätten nicht die nötige Angst vor ihm. Deshalb würden sie für seinen Unterricht nicht lernen.

Es gibt auch viele sehr motivierte Schüler, die ohne die Drohung mit dem Stock fuer die Schule arbeiten. Aber der Stock hilft den Lehrern, die Disziplin aufrechtzuerhalten. Viele Schüler haben acht, zehn oder mehr Geschwister, die Eltern können sich nicht um jeden einzelnen kümmern. Auch zu Hause setzen sich viele Eltern mittels Züchtigungen durch, etwas anderes haben die meisten Kinder nicht kennen gelernt, und die Schule muss sich diesen gesellschaftlichen Verhältnissen anpassen.

Der Unterricht besteht für die jüngeren Schüler hauptsächlich im Vorlesen und Nachsprechen. Dabei lernen die Kinder oft nur die Texte im Buch auswendig, nicht aber, wie man unbekannte Texte liest. Andere Unterrichtsmethoden kennen viele Lehrer mangels Ausbildung nicht. Andererseits ist es fraglich, ob andere Unterrichtsmethoden bei fünfzig bis hundert Schülern pro Klasse überhaupt anwendbar wären.

Viele Schüler sind sehr wissbegierig. Mädchen und Jungen haben uns während des Unterrichts oft Fragen zum Leben in nderen Ländern, besonders in Europa und Amerika gestellt. Manche nehmen alles genaustens auf, denken darüber nach und haben beim nächsten Mal weitere Fragen, die an die Antworten vom letzten Mal anschließen. Das ließ den Englischunterricht oft zu einer Stunde über europäische Geschichte, Geographie oder über die Lebensumstände in Europa und Amerika werden.