Wo die Amerikaner Bin Laden suchen, gibt es einen der Schulen baut

Teil 1 – Eine Begegnung mit den Befreiern und Besatzern

In einem alten Toyota-Geländewagen fahren wir mit Khazan Gul und Khalil, der für ihn als Fahrer arbeitet, von der Stadt Khost auf einer Schotterstraße nach Süden. Es ist frühmorgens, die Sonne steht erst knapp über dem Horizont, wir bewegen uns auf einer kaum bewachsenen, steinigen Ebene, in der Ferne sieht man Bergketten.

Die Straße durchquert ein breites, trockenes Flussbett und steigt dann wieder einige Meter an. Oben sehen wir, dass uns vier Geländewagen der US-Armee entgegenkommen, sehr breit, möglicherweise gepanzert, auf großen Rädern, jedes Fahrzeug einen Soldaten hinter einem Maschinengewehr auf dem Dach.

 

Offenbar sind sie auf dem Weg zur US-Basis neben der Stadt Khost und kommen von einer nächtlichen Mission auf der Suche nach Bin Laden oder einem Einsatz gegen Taleban oder Al-Qaida zurück. In den südöstlichen Gebieten Afghanistans gibt es den größten Widerstand gegen die amerikanische Besatzung, hier oder in den angrenzenden Provinzen Pakistans vermuten die Amerikaner Bin Laden und haben vor einiger Zeit eine großangelegte Suche nach ihm und Leuten von Al-Qaida begonnen.

Der erste der Geländewagen ändert seine Fahrtrichtung und fährt direkt auf uns zu, als ob er einen Frontalzusammenstoß herbeiführen wollte. Khalil bremst und hält am rechten Straßenrand an, wir rechnen mit einer Kontrolle durch die Amerikaner. Aber das erste der Fahrzeuge fährt nur langsam an uns vorbei, die Soldaten sehen kurz im Vorbeifahren zu uns hinüber.

Während der zweite und der dritte Wagen der Kolonne an uns vorbeifahren, fährt Khalil wieder an. Das hätten wir nicht gemacht. Wir sagen, dass er wieder anhalten soll. Aber schon fährt der vierte und letzte der Wagen so direkt auf uns zu, dass Khalil ohnehin wieder zum Anhalten gezwungen ist. Doch wieder passieren uns die Amerikaner nur.

Monika und mich erinnert das an einen Vorfall, der sich in der Nähe von Jalalabad ereignet hat. Amerikanische Soldaten hatten alle Insassen eines Autos erschossen. Das Fahrzeug sei, so die Darstellung der Amerikaner, mit Sprengstoff beladen gewesen, und die Insassen hätten einen Zusammenstoß herbeiführen wollen, um einen amerikanischen Wagen zu sprengen und die Soldaten zu töten.

Das ist möglich. Genauso möglich ist aber auch, dass der Fahrer des afghanischen Wagens dachte, dass das entgegenkommende Fahrzeug doch ebenso gut ausweichen kann, dass er deshalb, anders als Khalil, etwas forscher auf die Amerikaner zugefahren ist, dass der Soldat am Maschinengewehr etwas nervöser war als der, der uns entgegenkam, und dass die Menschen im afghanischen Auto deshalb getötet wurden.

Photos haben wir bei dieser Begegnung keine gemacht, wir wollten kein Risiko eingehen, deshalb von den Soldaten kontrolliert zu werden. Das Fehlen unserer Reisepässe, die sich wegen des Visums in der chinesischen Botschaft befanden, hätte uns Schwierigkeiten bereiten können, ganz abgesehen vom Photographieren selbst, das uns verdächtig gemacht hätte, Al-Qaida anzugehören oder gar unabhängige Journalisten zu sein.

Khazan Gul hatte uns gewarnt: “Ihr könnt von allem Photos machen, nur nicht von paschtunischen Frauen und von amerikanischen Soldaten.”

Teil 2 – Schulen für eine schwierige Gegend

Khazan Gul hatte uns nach Khost eingeladen. Khost ist eine afghanische Provinz mit gleichnamiger Hauptstadt, etwa 250 Kilometer südöstlich von Kabul an der pakistanischen Grenze. Wir hatten das Glück gehabt, Khazan Gul in Jalalabad kennenzulernen. Er war nach dem Sturz des “Taleban”-Regimes einige Monate lang Erziehungsminister der Provinz Khost gewesen. In dieser kurzen Zeit hatte er 52 Schulen gegründet. Wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Gouverneur von Khost beendete er seine Tätigkeit als Erziehungsminister. Seitdem arbeitet er privat und mit Spenden aus der Schweiz und aus Deutschland an der selbst gewählten Aufgabe, die Schulen in der Provinz Khost zu fördern.

Die meisten Schulen in der Provinz Khost haben kein Schulgebäude, wenn es eines gibt, ist es zu klein. Die Kinder sitzen auf dem Boden, meist unter Bäumen, doch oft gibt es nicht für jedes Kind einen Platz im Schatten, viele sitzen in der im Sommer stechend heißen Sonne. Wenn ein Windstoß kommt, trägt er Staub und Sand mit sich, bei windigem Wetter und bei Regen ist kein Unterricht möglich.

Khazan Gul tut das weh: “Jeder Tag, an dem die Kinder nicht in die Schule gehen, ist ein verlorener Tag, er kommt nicht wieder”, sagt er. Bei Mädchen gibt es besondere Probleme, wenn der Unterrricht im Freien stattfinden muss: “Nach unserer Kultur sollen die Mädchen nicht den Blicken der Männer ausgesetzt sein und viele Eltern möchten aus diesem Grund ihre Töchter nicht zur Schule schicken”, erklärt Khazan Gul. Ohne ein Schulhaus und ein geschütztes Schulgebäude können sie sich nicht frei entfalten.

Mit Geld, welches Khazan Gul aus Deutschland und aus der Schweiz bekommt, baut er ein Gebäude für eine Mädchenschule etwas außerhalb der Stadt Khost.

Außerdem baut Khazan mit weiteren Geldern aus Deutschland eine Jungenschule auf dem Land, im Gebiet der Tani. Die Tani sind ein paschtunischer Stamm und leben südlich der Stadt Khost in einer bergigen Gegend, die im Süden an Pakistan grenzt. In den zerfurchten und unübersichtlichen Hügelketten wachsen Steineichen, der Boden ist steinig und trocken.

Neben Wasserläufen, die meist ausgetrocknet sind, und unterhalb von Quellen bestellen die Dorfbewohner Felder, meist auf Terassen, die von Steinmauern gehalten werden.

Khazan Gul sagt: “In diesem Gebiet sind viele Menschen Diebe, Räuber und Schmuggler, es sind wilde, ungebildete und auch gefährliche Leute.” Danach gefragt, was passieren würde, wenn ein Fremder aus Kabul oder ein Ausländer mit dem Auto in diese bergige Gegend käme, sagt er, dass es gut sein könne, dass er ohne sein Auto zurückkäme. Ob er bei dem Überfall zudem erschossen würde, hinge davon ab, ob er von normalen Räubern oder fanatischen Extremisten überfallen würde: Die Räuber würden ihn höchstwahrscheinlich leben lassen. Die Extremisten aber hätten Interesse daran, Unruhe zu stiften, um jegliche Entwicklung in dem Gebiet zu verhindern.

Er selbst hat keine Angst. Jeder kennt ihn. Er stammt aus einem der Dörfer im flacheren Teil von Tani. Während des Krieges gegen die Russen hat er eine von ihm selbst aufgestellte Widerstandsgruppe von zweitweise 200 Mann kommandiert und in den Bergen von Tani gelebt. Die Bevölkerung hat ihn und seine Leute versteckt und unterstützt. In dieser Zeit und auch danach hat er den Leuten von allen Stämmen der Tani sowie von den Nachbarstämmen Gorbaz und Dsadran viel geholfen, wie wir in alten deutschen Zeitungsartikeln lesen, die er uns zeigt. Er hat die gerechte Verteilung von Hilfsgütern effizient organisiert, neue Felder erschlossen, Viehzuchtprojekte und den Bau von Bewässerungsanlagen geleitet, Schulen eingerichtet und Höhlen zum Schutz der Menschen bei russischen Bombenangriffen graben lassen und die Arbeiter bezahlt.

“Die Leute haben das nicht vergessen, außerdem haben sie etwas Angst vor mir. Ich habe viele Freunde, die mit mir zusammen gekämpft haben.” Auf einer unserer Ausfahrten in die Berge von Tani zeigt er uns sein damaliges Hauptquartier. Es liegt in einer von unzähligen Geländefalten in den Bergen von Tani. Einige Mauern von kleinen Gebäuden stehen noch, eine größere Höhle ist unversehrt, sie bot auch Schutz gegen aus der Luft abgeworfene Bomben. Khazan Gul erzählt uns, dass die Russen es nie geschafft haben, auf dem Landweg zu seinem Hauptquartier zu gelangen. Dafür sei der Widerstand der Bevölkerung zu stark, und der Weg hierher für die russischen Panzer zu schwierig gewesen.

Auf dem Hügel, unter dem die Schutzhöhle ist, sehen wir einen kleinen Krater. Hier sei eine russische Scud-Rakete eingeschlagen, in der Höhle hat das nichts bewirkt. Oben auf dem Hügel können wir weit sehen. In alle Richtungen sind Hügelketten, eine nach der anderen, dahinter meist höhere Berge mit steilen Hängen und vielen Taleinschnitten, im Norden sieht man die Ebene der Stadt Khost. Überall in den Hügeln und Bergen sind kleine Dörfer, in denen Menschen wohnen.

Wir stellen uns vor, wie die Russen die Berge mit ihren Flugzeugen überflogen haben auf der Suche nach Widerstandskämpfern, ohne die kleinste Chance, sie durch Bomben entscheidend zu schwächen. Die russische Armee ist schließlich dazu übergegangen, ganze Döfer zu zerstören, wenn sie glaubten, dass Widerstandskämpfer in diesen Döfern Zuflucht finden und unterstützt werden.

Wir erinnern uns an die amerikanischen Geländewagen, die wir heute morgen gesehen haben, stellen uns vor, wie die Soldaten schwer bewaffnet von Dorf zu Dorf fahren, Bin Laden, Leute von Al-Qaida oder Widerstandskämpfer suchen, einen unsichtbaren Feind, der Raketen abfeuert, Minen legt und ferngesteuerte Bomben unter den amerikanischen Fahrzeugen explodieren lässt.

Wie kann man in einem solchen Gebiet gegen diesen Feind gewinnen, wenn er von der Bevölkerung versteckt und unterstützt wird? Möglicherweise tragen auch Hausdurchsuchungen, von denen wir schon in Jalalabad gehört haben, welche die amerikanische Armee aus eigenem Recht und ohne Absprache mit der afghanischen Regierung durchführt, dazu bei, dass viele Leute bereit sind, Widerstandskämpfer, von den Amerikanern etwas vereinfachend “Terroristen” genannt, zumindest passiv zu unterstützen.

Dazu muss man wissen, dass im Gebiet der Tani neben dem islamischen Recht der “Paschtunwali” gilt, das Gesetz und die Sitten der Paschtunen. Eine der obersten Pflichten eines Mannes ist, sein Haus und besonders die Ehre der Frauen seiner Familie zu schützen. Kein fremder Mann darf die Gesichter der Frauen sehen, und nur die engsten Verwandten sind davon ausgenommen. Und nun dringen bewaffnete, fremde Männer in Bereiche ein, die nur die Mitglieder der Familie betreten dürfen. In Jalalabad wird berichtet, dass männliche amerikanische Soldaten sogar Frauen in deren Häusern nach Waffen durchsuchen. Diese Vorgehensweise verletzt nach dem Denken der Menschen, die in den paschtunischen Stammesgebieten wohnen, die Ehre der Männer, die ihre Frauen nicht vor solchen Zudringlichkeiten schützen konnten. Und mit jeder Ehrverletzung haben sich die Amerikaner möglicherweise einen neuen Feind geschaffen, der von nun an den Kampf gegen die amerikanische Armee unterstützen wird, selbst wenn er davor kein Freund der Taleban gewesen ist.

Teil 3 – Ein Versprechen

Seit seiner Jugend ist Khazan Gul beseelt davon, die Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung in Afghanistan zu verbessern. Ebenso wichtig ist für Khazan Gul die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Afghanistans. Er ist davon überzeugt, dass nur eine möglichst gute Schulbildung eine Verbesserung bringen kann. “Die meisten Leute hier auf dem Land sind Analphabeten. Sie wissen nicht, was in der Welt vor sich geht. Wenn es ihnen besser geht, wenn sie etwas zu verlieren haben, haben sie keinen Grund, zu stehlen und zu rauben. Aber bis jetzt gibt es keine Arbeit, und die Leute haben kein Wissen, wie sie sich Arbeit beschaffen können. Ohne Wissen können sie auch keine kleinen Unternehmen aufbauen.”

Khazan Gul stammt aus einer sehr armen Familie, die südwestlich von Khost im Gebiet der Tani lebte. Seine Mutter war Witwe und hat immer hart gearbeitet. Er ging zur Schule, da seine Mutter kein Geld hatte, um ihn beim Lehrer vom Schulbesuch freizukaufen. Jeden Tag nach der Schule fragte ihn seine Mutter ab, obwohl sie selbst nicht einmal lesen konnte. Das fand er jedoch erst später heraus. Aus Angst vor ihr hat er immer fleißig gelernt und war wegen seiner Begabung und durch seinen Fleiß der beste Schüler in der Klasse und in der ganzen Gegend. Deshalb durfte er ein Internat in Kabul besuchen. Er war so fasziniert davon, dass es dort Elektrizität und daher sogar nachts Licht gab, dass er oft die ganze Nacht hindurch lernte, um das Licht zu nutzen. Beim Abitur war er wieder einer der besten und bekam vom afghanischen Staat das Angebot, in Deutschland studieren zu dürfen. Er zögerte zuerst, da seine Mutter bereits alt war, und er sie nicht verlassen wollte. Als seine Mutter hörte, dass ihm angeboten worden war, in Deutschland zu studieren und er ihretwegen nicht aus Afghanistan fortgehen wollte, wurde sie sehr ärgerlich und drängte ihn dazu, diese Möglichkeit wahrzunehmen. Er hörte auf seine Mutter und ging nach Deutschland, um Mathematik und Physik zu studieren.

Ein Jahr später, als er während der Semesterferien wiederkam, war seine Mutter sehr krank und es war für ihn kaum vorstellbar, sie wieder zu verlassen. Er wollte bei ihr bleiben, in Afghanistan arbeiten und Geld verdienen, um sie in ein Krankenhaus bringen zu können. Doch das hätte bedeutet, dass er sein Studium hätte aufgeben müssen. Eine Unterbrechung wäre nicht möglich gewesen. Seine Mutter aber wollte, dass er sein Studium fortsetzt. Khazan Gul dachte viel nach und kam zu dem Schluss, dass er, wenn er jetzt in Afghanistan bliebe, vielleicht seiner Mutter helfen könnte, nicht aber den vielen anderen Frauen in Afghanistan, denen es ebenso schlecht geht. Er versprach seiner Mutter, nach Deutschland zu gehen, um zu lernen und nach seiner Rückkehr die Situation aller Menschen in Afghanistan verbessern zu können. Einige Zeit, nachdem er nach Deutschland zurückgekehrt war, starb seine Mutter.

Nach dem Studium hätte Khazan Gul in Deutschland bleiben oder eine gut bezahlte Stelle in Kabul annehmen können, aber das sah er nicht als seine Aufgabe an. Er ging zurück nach Khost, wo er sich an Schmutz und Insekten störte. Er zwang sich dazu, das einfache und harte Leben in Afghanistan von neuem zu lernen. Nach einigen Monaten bemerkte er den Dreck und die Fliegen kaum mehr. Er hatte sich die Fähigkeit zurück erworben, wie ein Afghane in Afghanistan zu leben.

Khazan Gul erzählt uns eine Geschichte von drei Kindern, die sich sehr schmutzig gemacht haben und von den drei Vätern, die ihrem Kind helfen wollen, wieder sauber zu werden:

Der erste Vater sieht sein schmutziges Kind. Aber weil es so schumutzig ist, geht er nicht näher zu ihm hin, sondern ruft ihm nur zu, es soll unter die Dusche gehen und sich waschen. Der zweite Vater geht zu seinem Kind hin, begleitet es zur Dusche und sagt ihm, dass es sich hier waschen soll. Der dritte Vater nimmt sein Kind auf den Arm und trägt es zur Dusche. Dabei wird er natürlich selbst schmutzig. Deshalb stellt er sich zusammen mit seinem Kind unter die Dusche und wäscht sich und das Kind.

Solch einen Vater oder solch einen Herrn oder solch einen Regierungschef braucht Afghanistan. Man darf keine Angst haben, sich selbst schmutzig zu machen, wenn man helfen möchte. Man muss die Bevölkerung auf den Arm nehmen und auch sich selber in Schwierigkeiten und auch in Gefahr begeben, nur dann kann man Afghanistan entwickeln.

Teil 4 – Die Arbeit

Khazan Gul möchte, dass wir seine Arbeit kennenlernen. Frühmorgens fahren wir mit seinem alten, schon recht klapprigen Geländewagen zum neuen Schulgebäude beim Dorf Mirzugai. Der Ort für das Schulhaus ist so gewählt, dass die Jungen von mindestens vier Dörfern ihn in nicht mehr als einer halben Stunde Fußweges erreichen können.

Als wir ankommen, ist Unterricht, siebzehn Schulklassen sitzen weit verstreut unter Bäumen im steinigen Gelände. Das neue Schulgebäude wird zunächst zehn Klassenzimmer haben, sechs weitere sind geplant. Khazan Gul rechnet damit, dass sich die Zahl der Schüler von im Moment 750 sehr bald verdoppeln wird, dann wären auch sechzehn Klassenzimmer in zwei Schichten ausgelastet. Denn es gibt vier erste und vier zweite Klassen, aber jeweils nur eine fünfte bis achte Klasse.

Am Schulgebäude wird bei unserer Ankunft gerade nicht gebaut. Die Wasserpumpe ist kaputt, bis sie repariert ist, muss die Arbeit ruhen. Denn das Wasser für den Zement muss von einer Quelle, die etwa einen Kilometer weit entfernt ist, herbeigeschafft werden. Ohne die Pumpe wäre die Hälfte der Arbeiter mit Wassertragen beschäftigt. Ein Arbeitstag kostet hier umgerechnet etwa zwei Euro. Das ist mehr, als die Lehrer verdienen, aber immer noch sehr wenig, um damit eine Familie zu ernähren. Die Männer sind darauf angewiesen, dass alle anderen Familienmitglieder, auch die Kinder, in Landwirtschaft und Viehzucht arbeiten.

Doch auch diese zwei Euro für zehn Arbeiter sind viel Geld, und Khazan Gul spart dieses Geld lieber für Tage, an denen die Arbeitskraft bestmöglich ausgenutzt werden kann, und er ordnet an, dass erst nach Reparatur der Wasserpumpe weitergearbeitet werden soll. Noch am Nachmittag bringen wir die kaputte Pumpe mit dem Auto zu einem Mechaniker in die Stadt Khost und nehmen sie am nächsten Morgen wieder zur Baustelle mit, die Arbeit kann weitergehen.

Der Schulneubau hat in den letzten Wochen gute Fortschritte gemacht, er soll in etwa vier bis sechs Wochen fertiggestellt werden. Die Lehrer und der Direktor Shabaz Khan freuen sich sehr über den Besuch aus Deutschland. Wir werden zum Mittagessen eingeladen, danach rechnen sie mit Khazan Gul ihre Auslagen der letzten Tage für den Bau ab.

Über die steinigen Hügel und durch trockene Wasserläufe fahren wir zum Dorf Surkut, wo es zwei “Baumschulen” gibt, eine für Mädchen und eine für Jungen, etwa einen Kilometer weit auseinander. Zuerst sehen wir die Jungenschule, fünf Klassen mit 245 Schülern. Auch hier sitzen die Schüler auf dem Boden im Schatten von Bäumen.

Danach dürfen wir die Mädchenschule sehen, drei Klassen mit insgesamt 75 Schülerinnen und drei männlichen Lehrern, Lehrerinnen gibt es nicht. Die Plätze für die Klassen sind hinter Büschen in Bodenwellen versteckt, damit man sie nicht von weitem sieht.

Während unseres Besuches kommt ein Mann aus dem Dorf auf Khazan Gul zu. Er will dem Staat ein Stück Land schenken, das ihm selbst gehört, damit es für den Bau einer Mädchenschule verwendet werden kann. Khazan Gul möchte, dass zuerst die Dorfgemeinschaft durch ihre Ältesten mit dem Mullah zusammen darüber beschließt, ob ein Gebäude für die Mädchenschule gebaut werden soll und ob das Dorf gemeinschaftlich ein Stück Land zur Verfügung stellen will.

Khazan Gul möchte sich nicht einmischen. Er sagt: “In Afghanistan haben sich zu viele eingemischt. Einmischung von außen wird von der Bevölkerung nicht akzeptiert. Wir haben schon viele schlechte Erfahrungen damit gemacht.” Aus diesem Grund möchte er selbst sich auch nicht in die Entscheidungen der Dorfgemeinschaft einmischen, sondern deren Entscheidung respektieren und eine positive Entscheidung unterstützen.

Es wäre das erste Gebäude für eine Mädchenschule im Gebiet der Tani und anderen, ähnlich abgelegenen Gebieten in Khost. Nach Zahlen von UNICEF, die wir in einem Bericht der afghanischen Regierung gelesen haben, gehen in der Provinz Khost erst 14 % der Mädchen und 63% der Jungen überhaupt in eine Schule.

Welchen Fortschritt und welche Veränderung jede Schule, besonders eine Mädchenschule, in dieses Gebiet bringt, kann man sich kaum vorstellen. Wir sind daher begeistert und fast verwundert über das Interesse der Bewohner von Surkut an der Mädchenschule.

Am nächsten Abend teilt der Schulleiter von Surkut Khazan Gul mit, dass die Dorfältesten beschlossen haben, gemeinschaftliches Land des Dorfes für den Bau einer Jungen- und einer Mädchenschule zur Verfügung zu stellen.

Nach dem Abschied von dieser Schule fahren wir weiter in die Berge hinein, zu einem anderen Dorf, das Khazan Gul das “Himmelsdorf” nennt, so steil steigt die mit großen Steinen übersäte Piste an. Auf einem Bergvorsprung neben dem Dorf hat die Dorfgemeinschaft schon einen großen Platz für eine Schule flach gemacht. Daneben sehen wir einige leere “Klassenzimmer”, also Plätze unter Bäumen, wo morgens der Unterricht stattfindet.

Nach der Besichtigung der “Schule” fahren wir ins nahe Dorf. Shabaz Khan, der Direktor der Schule von Mirzugai, der uns begleitet, ist gleichzeitig auch Kontrolleur der Provinzregierung für alle Schulen im Gebiet der Tani. Im Dorf kommt uns schon der Schuldirektor entgegen, wir werden zum Tee eingeladen, und Shabaz Khan kontrolliert und unterzeichnet die Anwesenheitslisten der Dorflehrer.

Währenddessen wird der alte Wagen von Khazan Gul von Jungen aus dem Dorf umlagert. Sie haben in dieser abgelegenen Gegend wenig Gelegenheit, Autos zu sehen, und sind offenbar fasziniert.

Zusammen mit Khazan Gul und den zwei Schuldirektoren der Schulen von Mirzugai und Surkut fahren wir am nächsten Tag zur Schule in Senaki, ebenfalls im Gebiet der Tani. Diese Schule hat bereits ein schönes Schulgebäude, in dem fünf Klassen untergebracht sind. Weitere fünf Klassen sitzen im Freien unter Bäumen. Der Hof ist sehr sauber und gepflegt, in einem Teil des Hofes sind junge Bäume gepflanzt worden, in einem anderen Teil ist ein Volleyballnetz gespannt. Die ersten Klassen werden in den Räumen unterrichtet, die älteren Schüler sitzen draußen.

Nacheinander besuchen wir die Klassen. In den Klassenzimmern sind die Wände mit Bildern und Plakaten geschmückt, Topfpflanzen stehen auf dem Fensterbrett, und neben der Tafel steht ein Tisch, auf dem sich verschiedene selbstgebastelte Unterrichtsmaterialien stapeln.

In einem Klassenzimmer hat der Lehrer Wörter an die Tafel geschrieben und dabei für jeden Buchstaben eine andere Farbe verwendet.

Er ist Lehrer der ersten Klasse und möchte uns zeigen, was seine Schüler, die erst seit wenigen Wochen zur Schule gehen, schon können. Er zeigt den Jungs Kärtchen mit Buchstaben, und sie versuchen, Wörter zu finden, die mit diesem Buchstaben beginnen. Die Schüler melden sich eifrig und finden viele passende Wörter.

Wir haben inzwischen schon einige Schulen in Afghanistan gesehen, und die Unterrichtsweise in dieser Schule überrascht uns. An anderen Schulen liest meist der Lehrer vor, und die Schüler wiederholen im Chor. Dabei lernen die Kinder die Texte auswendig, aber nicht unbedingt Lesen. Es gibt verschiedene Hilfsorganisationen, die sich bemühen, die Lehrer in Seminaren fortzubilden und ihnen andere Unterrichtsmethoden zu zeigen. Aber so aktiv und selbstverständlich wie hier haben wir in Afghanistan noch keinen Lehrer diese Methoden anwenden sehen. Hier, mitten in den Bergen, wo es in vielen Dörfern noch gar keine Schule gibt, kommt es uns fast unwirklich vor, was wir sehen, gleichzeitig macht es natürlich Mut.

Khazan Gul spricht nach Unterrichtsende mit einigen Lehrern und erklärt uns, dass die Lehrer an dieser Schule alle selbst aus Senaki kämen und beschlossen hätten, ihr Dorf zu entwickeln und allen Dorfkindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Sie sagen, sie arbeiteten nicht wegen des Geldes, das sie bekommen, sondern für ihre Kinder und für ihr Dorf. Die Lehrer erzählen uns, dass im Dorf heute jemand gestorben sei, und dass an solch einem Tag eigentlich niemand arbeite, da man für den Toten bete und ihn begrabe. Sie hätten aber im Dorf vereinbart, dass die Schule trotzdem stattfinde, da für die Zukunft die Bildung der Kinder so wichtig und jeder Schultag wertvoll sei.

Die Lehrer unterhalten sich mit Khazan Gul darüber, wie sie anderen Lehrern der Gegend helfen könnten, ihren Unterricht zu verbessern. Die Lehrer schlagen für den nächsten Freitag, den einzigen freien Tag der Woche, ein Treffen aller Lehrer des Gebiets vor, so dass sie sich kennenlernen und schon einige Gedanken austauschen können. In Zukunft könnte dann jeden oder jeden zweiten Freitag ein Treffen stattfinden, bei dem gut ausgebildete Lehrer den anderen etwas beibringen. Die beiden Schuldirektoren der Schulen in Mirzugai und Surkut sind davon überzeugt, dass viele andere Lehrer in der Gegend interessiert sein werden, etwas dazuzulernen, um ihren Unterricht zu verbessern.

Leider werden die Lehrer der anderen Schulen viele gute Unterrichtsmethoden erst dann anwenden können, wenn sie für ihre Klassen Räume haben, damit das Unterrichtsmaterial nicht vom Wind davongeblasen wird, und sie die Materialien in den Schulen lassen können. Momentan müssen die Lehrer dort, wo es – wie in den meisten Schulen – kein Schulgebäude gibt, sogar die Tafeln jeden Tag von zu Hause mitbringen. Schon ein einziger abschließbarer Raum für jede Schule würde eine große Verbesserung bringen.

Es gibt unendlich viel zu tun in dieser Gegend, und nicht nur dort, in ganz Afghanistan, in jedem Land. Khazan Gul tröstet sich und uns mit dem Gedanken, dass man nicht zu viel darüber nachdenken sollte, ob man eine Aufgabe jemals wird vollenden können, sondern jeden Tag versuchen sollte, die Arbeit ein Stück voranzubringen, um dem Ziel einen kleinen Schritt näher zu kommen.

Monika Koch und Heiner Tettenborn